Die Arbeit am Mindset – Persönlichkeitsexperte Thomas Hafer im Interview

 

Seit mehr als 20 Jahren arbeitet unser Kollege Thomas Hafer als Coach, systemischer Aufsteller und Trainer. Und ebenso lange gibt er ein fünftägiges Seminar, das unter anderem in einem internationalen Konzern Jahr für Jahr mit besten Bewertungen abschließt. Uns interessiert, welche Veränderungen er mit Blick auf die Anforderungen seiner Seminarteilnehmer wahrnimmt.

1. Thomas, du bist mit einem nahezu identischen Seminarformat im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung seit 20 Jahren erfolgreich. Was suchen die Teilnehmer deiner Seminare?

Das Wort intensive Persönlichkeitsarbeit zieht sie an. Wer möchte sich nicht persönlich entwickeln und wachsen? Jeder weiß: Der beste Chef, den ich je hatte, hatte nicht die besten Tools, sondern es war seine Persönlichkeit, seine innere Freiheit und Authentizität, seine Begeisterungsfähigkeit, seine innere Ruhe und Gelassenheit. Die Aussicht, dass sie auch daran im Rahmen von beruflicher Weiterbildung gezielt arbeiten können, spricht sie an. Und eine tiefere ganz persönliche Sehnsucht wird angesprochen. Wieder mehr bei sich sein. Raus aus dem Hamsterrad. Innere Ruhe, wieder in Kontakt kommen mit dem, was ihnen wesentlich ist, was ihnen wirklich am Herzen liegt.

2. Und das ist zeitlos? Hatte das Thema immer schon eine hohe Relevanz? Oder wird es jetzt in der VUCA Welt wichtiger?

An sich ist das Bedürfnis zeitlos. Schon vor 20 Jahren haben die Teilnehmer diese Erfahrung als sehr wertvoll empfunden. Schon immer war es quälend, sich in der Arbeit seelisch irgendwie zusammenzuziehen und nur zu funktionieren. Und schon immer war es den Menschen ein Bedürfnis, sich in der Arbeit selbst zu verwirklichen. Die Wichtigkeit nimmt allerdings in den letzten Jahren enorm zu, aus meiner Sicht aus zwei Gründen. Einmal das immer häufiger werdende Phänomen der Erschöpfung. Ein immer größerer Teil meiner Seminarteilnehmer bekennt in der authentischen und geschützten Atmosphäre der Seminargruppe: „Nicht nur manche meiner Kollegen, ich selbst bin katastrophal erschöpft. Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll. Ich arbeite nur noch aus der Erschöpfung heraus, was wiederum meine Leistung beeinträchtigt.“ Manche haben schon spezielle Stressmanagementseminare besucht, jedoch nicht als hilfreich empfunden. Die Ratschläge wirken dann eher wie zusätzliche Pflichten. Daher braucht es ein wirkliches „wieder zu sich kommen“. Das zweite ist die überall aufkommende agile Transformation und das wachsende Interesse der jüngeren Generation von Fach- und Führungskräften an persönlicher Entwicklung.

3. Zum ersten Punkt eine Frage: Ist es wirklich so, dass Arbeit und Arbeitsleben anstrengender geworden sind oder sind die Personen aus anderen Gründen weniger belastungsfähig?

Nein, die Arbeit ist völlig offensichtlich tatsächlich heute sehr viel anstrengender als vor 20 Jahren. Die immer verrücktere Eile und die Unmöglichkeit, wichtige Aufgaben mit der nötigen Sorgfalt angehen und den eigenen Qualitätsansprüchen gerecht werden zu können, ist quälend. Mitarbeiter wollen gute Arbeit abliefern, sind jedoch durch Zeitmangel gezwungen, ständig quick and dirty zu arbeiten. Dies hat zur Folge, dass sie im eigenen Erleben mangelhaft gute Arbeit abliefern und dass der Anstrengung zu wenig kräftigende Erfolgserlebnisse zum Ausgleich gegenüberstehen. Ich stelle meinen Gruppen oft die Frage: „Wer von euch würde dieser These „Mein persönliches Erleben von Stress und Druck durch Eile ist in den letzten fünf Jahren um 100 %, also auf das Doppelte gewachsen“ zustimmen?“ Durchschnittlich 30 % der Teilnehmer zeigen auf. Das muss man sich mal vorstellen. 100 % in fünf Jahren. Wie soll das weitergehen?

4. Zu deinem zweiten Punkt: Die agile Transformation. Organisationen verändern sich überall. Hierarchien werden flacher. Verantwortung wird stärker in der Gesamtorganisation verteilt, anstatt allein auf den Schultern weniger Führungskräfte zu liegen. Welchen Beitrag kann Persönlichkeitsentwicklung in diesem Kontext leisten?

Etwas Entscheidendes. Das Mindset. Persönlichkeitsarbeit ist Arbeit am Mindset. Ich bin davon überzeugt, dass gerade in Zeiten der agilen Transformation mehrtägige Retreats zur Persönlichkeitsarbeit immer bedeutender werden. Die meisten Lernvorgänge finden zunehmend weniger in Präsenzseminaren im Hotel statt, sondern in Form von „Learning Nuggets“ am Bildschirm. Persönlichkeit entwickelt sich jedoch nicht am Bildschirm. Und sie wird immer wichtiger. Überall gibt es die Klage und Unzufriedenheit darüber, dass das intelligenteste Toolset scheitert, weil das Mindset der Organisation und seiner Führungskräfte nicht mitspielt. Die Antwort ist meist ein schulterzuckend resigniertes Statement wie „Da kann man nichts machen“. Stimmt nicht. Man kann am Mindset arbeiten. Dieses Modewort meint nichts anderes, als die Muster im Denken, Fühlen und Handeln, die wir in der Persönlichkeitsarbeit anschauen – und sehr oft einfach durch Bewusstwerdung öffnen und entwickeln können. Es gibt natürlich auch die interessengeleiteten Bremser, die ihre Privilegien als Führungskraft nicht aufgeben wollen. Die kann man mit Persönlichkeitsarbeit nicht erreichen. Aber für diejenigen, die oft ungewollt aus Angst bremsen, kann Persönlichkeitsarbeit sehr sehr hilfreich sein. Und ganz besonders auch die Treiber der agilen Transformation, die Jungen, die gerne mitentscheiden und in neuen agilen Kooperationsformen arbeiten, kann man mit Persönlichkeitsarbeit gut unterstützen, noch klarer und effektiver zu werden. Persönliche Entwicklung ist ein Kernmotiv der Generation Y. Sie wollen sich selbst entwickeln, und zwar sehr oft nicht nur im Sinne der fachlichen Expertise, sondern eben auch in ihrer Persönlichkeit. Sie sind begeistert, wenn ihr Arbeitgeber ihnen die Möglichkeit der Persönlichkeitsarbeit anbietet.

5. Beobachtest du allgemein ein größeres gesellschaftliches Interesse und eine wachsende Akzeptanz für Persönlichkeitsentwicklung?

Ja, das ist deutlich. Ich werde zwar immer noch zunächst sehr kritisch geprüft, ob das Ganze nicht esoterischer Hokuspokus ist, aber seriöse Psychologie, Achtsamkeit und emotionale Intelligenz sind heute deutlich bekannter, akzeptierter und attraktiver als vor 20 Jahren. Die Sehnsucht nach Ruhe, Achtsamkeit und Runterkommen sehr ist viel größer geworden und deutlicher im Vordergrund als früher. Manche Teilnehmer sind zwar anfangs überrascht, dass ihr Arbeitgeber so etwas anbietet, dies jedoch im positiven Sinne. Am Freitagnachmittag in der Schlussrunde des Seminars höre ich oft den Satz: „Am ersten Abend habe ich mich erschreckt, wie tief das hier gehen sollen. Jetzt empfinde ich diese Tage als das Wertvollste, was mir seit vielen Jahren passiert ist.“

6. Was bewegt das Retreat bei den Teilnehmern? Was genau ist der Grund für die hohen Bewertungen durch die Teilnehmer?

Vor allem drei Wirkungen. Zunächst gibt es interessanterweise schon innerhalb des Seminars einen großen Erholungseffekt. Immer wieder sagt am zweiten oder dritten Tag jemand in der Morgenrunde: „Ich verstehe das gar nicht, wir arbeiten hier doch so intensiv. Ich fühle mich erholter als nach zwei Wochen Urlaub.“ Das Runterkommen, still werden und sich wahrnehmen in einem Gruppenfeld, in dem man wertschätzend und gleichzeitig radikal ehrlich miteinander umgeht, hat einen überraschend schnellen und tiefen Erholungseffekt. Der zweite Effekt ist Klarheit. In diesem Zustand entsteht auf ganz natürliche Weise eine klare Bewusstheit. Was ist es im Kern, das mir Kraft gibt, das mich wirklich motiviert, wofür ich mich engagieren und Gas geben will? Und umgekehrt, was will ich ändern in meiner Art zu arbeiten und zu leben? Wodurch verliere ich im Alltag oft den Kontakt zu mir und meiner Motivation? Welche Bedingungen im Außen will ich mit meinem Chef verhandeln? Und vor allem, welche eigenen inneren Muster im Denken, Fühlen und Handeln trennen mich von mir und meiner Kraft? Der dritte Effekt ist Entschiedenheit und Mut zum Ändern. Die Teilnehmer fahren nach Hause mit einem klaren Fokus, was ihnen wichtig ist und was sie in Zukunft ändern wollen. Und da diese fokussierte Haltung nicht aus Empfehlungen vom Trainer kommt, sondern aus dem eigenen inneren Erleben, hat der Aufbruch große Kraft.

7. Was verstehst du unter Persönlichkeitsentwicklung?

Persönlichkeitsentwicklung ist leider ein ziemlich beliebig verwendetes Modewort geworden. Ähnlich wie das Wort Wellness meint es irgendwie alles und nichts. Ich verstehe darunter etwas viel Konkreteres und gleichzeitig Anspruchsvolleres. Einen Prozess der zunehmenden Befreiung durch zunehmende Selbst-Bewusstwerdung. Befreiung aus verfestigten Mustern. Ein wortwörtliches Ent-Wickeln. Es geht in seriöser Persönlichkeitsarbeit niemals um das Vortäuschen nach dem Motto „Was kann ich tun, damit ich souverän wirke?“. Und noch wichtiger: Es geht niemals um ein angestrengtes Streben und sich selbst irgendwo Hinbiegen. Sondern um Entfaltung und Befreiung, die ganz natürlich aus dem Prozess der Bewusstwerdung entsteht. Wenn mir meine Muster bewusst werden, lösen sie sich zwar keineswegs einfach so auf, aber es entsteht Freiraum für neue Entscheidungen, Selbstverantwortung und Lebendigkeit. Wenn mir bewusst ist, welche Situationen und Erfahrungen ich ständig meide, weil sie mich irgendwie an frühere schmerzliche Erlebnisse erinnern, wenn dieses Muster mir bewusst ist, kann ich neu entscheiden. Und wenn mir umgekehrt einmal klar geworden ist, was mir im Leben und im Arbeiten ernsthaft wichtig ist, was meine Herzensmotivation ist, verliere ich sie sehr viel weniger Kraft im Alltag, als wenn mir das nicht bewusst ist.

8. Wie kommen die Teilnehmer an die Herzensmotivation ran?

Wir arbeiten vor allem mit zwei Prinzipien. Das erste ist Präsenz und Achtsamkeit. Wir gehen  immer wieder gemeinsam in einen Bewusstseinszustand von Präsenz. Die meisten Menschen sind meistens mit ihrer Aufmerksamkeit weit weg von ihrem Sein im Hier und Jetzt. Sie sind in tausend Gedanken, die ständig rasen. Sich bewusstwerden und sich entfalten geht aber nur in wachem Kontakt mit dem, was hier und jetzt gerade ist. Meine Gedanken und inneren Dialoge darüber, was mir im Herzen besonders wichtig ist und umgekehrt was ich ständig meide, haben nicht unbedingt eine hohe Treffergenauigkeit und schon gar nicht eine tatsächlich befreiende Wirkung. Wenn ich all das aber wirklich fühle, dann schon. Dieser Unterschied zwischen Denken und Fühlen ist den meisten Menschen kaum bewusst. Gedanken sind Gedanken. Gespürte innere Wirklichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie wirkt. Das zweite wichtige Prinzip ist eine entschiedene Haltung der Selbstsolidarität und der inneren Freiheit. Wir haben im Laufe unseres Lebens eine Vielzahl von Normen, Forderungen und Verboten verinnerlicht. Normen aus der Kindheit, aber auch z.B. Erwartungen aus der Organisation oder Abteilung, in der wir arbeiten. All das wirkt, halb bewusst, ständig in uns – treibt uns an oder hält uns zurück und raubt uns dadurch sehr viel eigene Entscheidungsfreiheit und Energie. Wir nennen es den „inneren Kritiker“. Wenn wir lernen, die Phänomenologie dieses inneren Kritikers zu erkennen und zu verstehen, kann dies sehr viel neue Lebendigkeit in uns freisetzen. Und eine viel klarere Unterscheidung zwischen dieser „kritischen“ Stimme und der Stimme unseres Herzens. Diese Stimme unseres Herzens will keineswegs die Beine hochlegen und Arbeit verweigern. Ganz im Gegenteil. Sie will Sinnvolles tun und erreichen, beruflich als auch privat. Orientiert an diesen zwei Prinzipien arbeiten wir mit unterscheidlichen Selbstwahrnehmungsübungen, einer besonders effektiven Methode der Selbstforschung, Systemaufstellungen und Coaching.

9. Und welchen Sinn macht es für ein Unternehmen, wenn es Mitarbeiter dahin entwickelt, ihre Herzensmotivation besser kennen zu lernen? Besteht nicht die Gefahr, dass diese Personen sich gegen ihren aktuellen Job entscheiden, weil der nicht passt?

Ganz im Gegenteil. Die Performance steigert sich deutlich. Wer sich seiner Knackpunkte aber eben auch seine Herzensmotivation einigermaßen bewusst ist und dadurch viel mehr Energie zur Verfügung hat, bringt diese Energie gerne auch in sein berufliches Engagement ein. Das wirkt auf vielfältige Weise fürs Unternehmen. Immer wieder zeigen sich, wie schon angesprochen, besonders drei große Vorteile für das Unternehmen. Erstens entwickeln die Teilnehmer genau das, was das Buzzword „Agiles Mindset“ meint; Veränderungen mit Leichtigkeit angehen, Lust auf Entscheiden, Gestalten und Umgestalten mit mehr Flexibilität und Freiraum. Zweitens erhöht sich die Arbeitgeber-Attraktivität; das Unternehmen kann mit dem Angebot seriöser Persönlichkeitsarbeit relativ preiswert sehr wirksam darin punkten, junge anspruchsvolle Fachleute zu gewinnen und zu halten. Drittens wird der Erschöpfung entgegengewirkt. Nach einem solchen Seminar gerät erst mal niemand in ein Burnout. Im Gegenteil, die Teilnehmer haben wieder hohe Motivation, Fokussierung auf die wesentlichen Ziele, sind optimistisch, kreativ und gleichzeitig gelassener. Manche Teilnehmer haben ein Jahr später, wenn es vielleicht ein Folgeseminar gibt, einen Karrieresprung gemacht. Oder auch ohne Karrieresprung einen neuen, viel besser passenden Job gefunden. Ganz selten ist es tatsächlich passiert, dass jemand nach dem Seminar gekündigt hat. Auch das kann ein sinnvolles Ergebnis sein. Möchte ein Unternehmen Mitarbeiter halten, die eigentlich etwas ganz anderes tun möchten?

10. Wie nachhaltig können solche Maßnahmen sein?

Ein fünftägiges Retreat verändert die Persönlichkeit nicht dauerhaft. Es ist eine Illusion zu denken, „Ich mache ein Seminar und es kommt Gelassenheit raus“. Es setzt jedoch einen Prozess in Gang. Viele Teilnehmer schreiben mir, wie sehr ihr Leben sich in den Wochen nach dem Seminar geändert hat und auch wie sich diese Änderungen mittel- und langfristig immer weiter entfalten. Im Transfer-Feedback, drei Monate nach dem Seminar, erhält das Seminar Bewertungen, die sich deutlich von den üblichen Training-Feedbacks abheben.

 

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