Jesuiten coachen seit 500 Jahren – Exerzitien in Beruf und Alltag

Haben Sie schon einmal das Wort Exerzitien gehört?

Viele Menschen kennen das Wort und häufig haben sie eine vage oder gar keine Vorstellung, was Exerzitien sind. Exerzitien heißt übersetzt ‚Übung‘. Genauer heißt es lat. exercitia spiritualia, also ‚geistliche Übungen‘. Ignatius von Loyola, der Begründer des Jesuitenordens (1491 – 1556) hat sie entwickelt. D.h. er hat sie zunächst an sich selbst erprobt und dann ca. 5.000 Menschen mit dieser Methode begleitet. Dies hat Ignatius in seinem Buch „Geistliche Übungen“ festgehalten.

Dank eines modernen Menschbildes des Ignatius von Loyola wird diese Methode auch heute angewendet:  Er traut allen Menschen Entscheidungsfreiheit und einen Zugang zu Gott zu – unabhängig von gesellschaftlicher Klasse und Geschlecht. Das war im Mittelalter sehr unüblich und insb. der Zugang zu Gott wurde nur den geweihten Priestern zugetraut. Hier kann man eine Parallele zum humanistischen Psychologen Carl Rogers sehen, der knapp 500 Jahre später davon ausging, dass in jedem Menschen unerhörtes Potential steckt, sich selbst zu begreifen. Auch dies war in der Psychologie dieser Zeit unüblich.

In den letzten Jahren wurden unterschiedliche Methoden für die Arbeit auf persönlicher Ebene entwickelt und eingesetzt, um die Hektik und die Anforderungen des Alltags zu bewältigen. Das „Time Magazine“ aus den USA beschrieb dies am 03. Februar 2014 mit seinem Titel „Mindful Revolution“.

Die Mindful (R)Evolution des Ignatius

Auch ohne einen Bezug zu Glauben können Sie von Ignatius von Loyola viel lernen. Er hat den Jesuitenorden gegründet und innerhalb von 10 Jahren eine weltweite Organisation mit 1.000 Mitgliedern aufgebaut. Dabei hat er wichtige Grundsätze zu Führung und Kommunikation geformt und Ideen entwickelt, die auch für das Management im 21. Jahrhundert hohe Relevanz haben. Zum Beispiel „erst zuhören, dann führen“.

Zuhören ist für Ignatius sehr wichtig. Dieses wichtige Element der Exerzitien wurde zum Beispiel mit der Methode des „aktiven Zuhörens“ von Carl Rogers  modernisiert.

Was genau verbirgt sich hinter seinen Ansätzen? Ignatius vertraut auf innere Regungen (span. Mociones, d.h. so viel wie Intuition) und geht davon aus, dass der Mensch ein feines Gespür dafür hat zu unterscheiden, was gut ist für ihn selbst und die Umwelt. Der Exerzitant oder Übende lernt, diese Regungen im Hinblick auf eine Frage oder eine Entscheidung wahrzunehmen. Gutes Zuhören und der sorgsame Umgang mit den eigenen Ressourcen ist dabei von großer Bedeutung. Ein Wissen, das sich heute u.a. in der modernen Einstellungsforschung wiederfindet, die zeigen konnte, dass Menschen ihre inneren emotionalen Zustände als Hinweise nutzen, um eine Einstellung zu bilden.

Die moderne Hirnforschung beschreibt Intuition mit Begriffen wie ‚letzte Entscheidungsinstanz‘, ‚Erfahrungsgedächtnis‘ und nicht zuletzt als ‚trainierbare Begabung‘.

Die Erfahrung von Exerzitanten zeigt, dass eine geübte Selbstwahrnehmung hilft, gute Entscheidungen mit Hilfe der Intuition zu treffen, auch bei unsicheren Informationen. Druck und Hektik nehmen ab und die innere und äußere Ruhe und Gelassenheit werden verstärkt. Zum anderen werden Beziehung zu den eigenen ‚Stakeholdern‘, wie Mitarbeitern, Vorgesetzten oder der Familie verändert. Denn nehme ich mich selbst gut wahr, bin ruhig und spüre, was ich für gut halte, so fällt es mir leichter authentisch zu bleiben, meine Sicht darzustellen und zum Beispiel Konflikte konstruktiver auszutragen.

Wie trainiere ich diese intuitive Entscheidungssicherheit?

Im Alltag empfiehlt Ignatius, regelmäßig am Tag inne zu halten, zur Ruhe zu kommen und die Vorkommnisse wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten. Anschließend werden sie anhand der Ziele reflektiert und eingeordnet. Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg liegt für Ignatius in kurzen, regelmäßigen geistigen Übungen, z.B. am Morgen oder Abend. Das sind Gebete und z.B. Meditationen von Bibelstellen oder anderen Texten. Mit einem anderen Wort ausgedrückt: ‚Besinnung‘ – zur Besinnung kommen. So entsteht ein Gerüst, um Alltag, Ziele und Vorgaben in Einklang zu bringen.

Für das Erlernen der Übungen bieten sich z.B. mehrtägige Exerzitien an. Häufig finden Exerzitien mit einer Gruppe von Menschen statt oder der Exerzitant ist Gast in einem Besinnungshaus oder Kloster. Bei Exerzitien gibt es mehrere Elemente, die den Prozess unterstützen.

Mehrtägige Übungs-Auszeit

Ein wichtiges Element bei Exerzitien ist das Schweigen. Das Schweigen schafft Raum für innere Regungen. Häufig hören wir sie in der Hektik des Alltags gar nicht mehr richtig oder unterdrücken sie auch mal gerne. Auch werden körperliche Symptome wie Hunger, Müdigkeit, Schmerz und Krankheit teils  unterdrückt. Oder die Zeit für Ausgleich und Krafttanken bei Freunden und Familie wird reduziert.

Welche Wirkung und Reaktionen sich durch das Schweigen einstellen, ist individuell unterschiedlich. Bei manchen Personen kann es dann schon mal laut werden, bei anderen kann es passieren, dass der Körper unendlich viel Schlafbedarf signalisiert. Um dies gut einzuordnen ist es wichtig, einen erfahrenen Begleiter an der Seite zu haben.

Das ist ein weiteres Element bei Exerzitien. Exerzitienbegleiter oder „Exerzitienmeister“, wie es ursprünglich heißt. Begleitung heißt in diesem Fall, dass jeder Teilnehmer einmal am Tag ein ca. 45-minütiges Einzelgespräch hat. In den Einzelgesprächen hört der Begleiter zu (Stichwort ‚aktives Zuhören‘), welches Thema den Begleiteten gerade beschäftigt, welche inneren Stimmen sich regen und ob sich Schwierigkeiten im Prozess zeigen. Die Begleiter geben dem Exerzitanten Übungen für den nächsten Tag. Er gibt z.B. Anleitungen zu Wahrnehmungs- und Atemübungen, er gibt Bibelstellen oder andere Texte zur Meditation mit, die er für hilfreich hält. Der Begleiter hat ein Wissen und eigene Erfahrung über den Exerzitien-Prozess, der in vier Stufen verläuft und ordnet ein, wo sich der Begleitete gerade befindet. Und beide können sich darauf verlassen, dass der Geist Gottes ebenfalls zugegen ist.

Ein zentrales Element sind die Meditationen

Entschleunigung und Zulassen sind wichtige Grundsätze: Es geht nicht darum, etwas zu leisten oder etwas abzuarbeiten. Auch sollen vorschnelle (Be-)Wertungen, also Vorstellungen von gut und böse, richtig und falsch vermieden werden. Sonst werden die inneren Regungen schnell wieder in die ‚alte Gängelung genommen‘ und verstummen. Ignatius hat eine Meditationsform entwickelt, bei der der Übende zunächst um etwas bittet, z.B. um Unterstützung bei einer bestimmten Entscheidung und sich dann mit seinen Sinnen und seinem Vorstellungskraft in die Bibelstelle hineinversetzt. Der Übende begibt sich quasi in diese Stelle, stellt sich den Ort und die Menschen vor und ‘taucht in das Geschehen ein‘. Durch dieses intensive Erleben können sich beim Übenden Regungen zeigen, die ihm helfen, sich über die zu anfangs geäußerte Fragestellung bewusst zu werden. So kann er z.B. einer  Entscheidung näher kommen oder sie treffen.

Etwas anders ausgedrückt (mit der modernen Hirnforschung): Das Erfahrungswissen wird ergänzt um eine neue Erfahrung, die für die Entscheidungsfindung hilfreich sein kann.

Neben den Schweige-/Meditationsübungen strukturiert sich der Tag meist in einen gemeinsamen Gottesdienst, eine Eutonie (Entspannungsübung) und gemeinsame Mahlzeiten.

Jesuiten coachen seit  500 Jahren

Die Praxis der Exerzitien lässt sich aus meiner Erfahrung sehr gut mit Elementen des systemischen Coaching verknüpfen. Eine Verknüpfung dieser Ansätze bietet sich deshalb so gut an, weil sowohl die Exerzitien des Ignatius wie auch das systemische Coaching nicht direktiv sind. Sie bieten lediglich einen methodischen Rahmen, primär über Gespräche und Impulse.

Bei beiden Formen ist im Gespräch das ‚aktive Zuhören‘ wichtig; Elemente sind Aufmerksamkeit, Blickkontakt. Gemein ist den Ansätzen auch, keine Wertungen vorzunehmen und der Sichtweise  des anderen mit Respekt zu begegnen. Zudem sind Fragen wichtig, die zur Reflexion und der Erweiterung der Sichtweise (d.h. Wirklichkeitskonstruktion) einladen. Bei beiden Formen ist es wichtig, die Eigenverantwortung zu steigern sowie Entscheidungsfreiheit zu fördern.

Beiden Vorgehensweisen liegen Prozesse für Veränderungen zugrunde. Sie sehen einen längeren Zeitraum vor, in dem Veränderungen unterstützt werden durch Gespräche und Impulse/Übungen, welche in der Zeit zwischen den Gesprächen den Prozess unterstützen.

Wo liegt der wesentliche Unterschied?

Bei Exerzitien wählt der Begleiter Impulse i.d.R. aus der Bibel und aus anderen christlichen Quellen, die sich der Exerzitant in einer bestimmten Meditationsform zu erschließen versucht. Dabei kann die Bibel als ein Schatz an Lebenserfahrung gesehen werden.

Beim Coaching erhält der Kunde Impulse in Form von Hypothesen und Aufgaben, die aus dem direkten Erfahrungsschatz des Coaches resultieren.

In beiden Fällen agiert der Begleiter bzw. Coach aus Sicht des Beobachters „2. Ordnung“, d.h. er ist nicht direkt im System, also kein Beteiligter, d.h. Beobachter 1. Ordnung, sondern nimmt etwas von außen wahr. Der Begleiter bzw. Coach wählt dann Impulse aus mit der Intention, neue Perspektiven zu eröffnen.

Ich finde es spannend, dass Menschen vor 500 Jahren ebenfalls Bedürfnisse hatten in puncto Ruhe, Standortbestimmung und Entscheidungsfindung.

So nehmen Sie die Klarheit aus den Exerzitien mit in den Alltag

  1. Eigene Werte auch im ‚harten‘ Berufsalltag umsetzen: Ignatius’ Kontext war religiös geprägt, seine Reflexion geschah im Gebet und mit Bezug auf christliche Werte. Auch mit einem anderen Glauben oder auf Basis allgemeiner ethischer Grundsätze und Werte lässt sich das eigene Verhalten im Berufsalltag weiter entwickeln. Und somit mehr Zufriedenheit erzielen. Innere Gelassenheit und das Hören auf die Intuition schaffen Ruhe, Kraft und Überzeugungsgabe für das Fällen und Umsetzen von ggf. aufwendigen oder unbequemeren Entscheidungen. So ist ein achtsamer Umgang mit sich selbst und anderen möglich.
  2. Themen verarbeiten und abschließen: Tägliches Reflektieren von wichtigen Ereignissen und Begegnungen, z.B. in am Abend. Nach persönlichem Geschmack verbunden mit einer Meditation. So können Themen verarbeitet oder abgeschlossen werden, die ansonsten als innere „loose ends“ Unruhe schaffen. Hierbei können auch Impulse, z.B. Texte oder Gedanken helfen, um zur Ruhe zu kommen oder um neue Sichtweisen einnehmen und Handlungsoptionen entwickeln zu können.
  3. Wichtige Entscheidungen treffen: Begleitete Auszeiten, z.B. an einem Wochenende. So nehmen Sie sich den Raum und die Zeit, zur Ruhe zu kommen, bewusst wahrnehmen zu können und Ihren inneren Regungen nachzuspüren.

Gönnen Sie sich, zur Besinnung zu kommen.

 

Noch Fragen?
Sprechen Sie uns an
!

Als Coaches und Experten für wirkungsvolle Führungsarbeit und maßgeschneiderte Entwicklungsprogramme freuen wir uns, Sie bei Ihren Vorhaben zu begleiten.

 

Picture: “Saint Ignatius of Loyola” by Randy OHC is licensed under CC BY-SA 2.0.

Was uns beschäftigt

Die Arbeit am Mindset – Persönlichkeitsexperte Thomas Hafer im Interview

Jetzt mehr erfahren

Keine Konfliktlösung ohne Persönlichkeitsentwicklung

Jetzt mehr erfahren